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Episode
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51 min

Prof. Dr. Julian Conrads

Unternehmenskultur als Treiber nachhaltiger Transformation

Prof. Dr. Julian Conrads

Warum scheitern Nachhaltigkeitsstrategien trotz klarer Ziele und KPIs?

In dieser Episode von 鈥濼alking Proof鈥 spricht Lukas mit , Professor f眉r Nachhaltigkeitsmanagement und Wirtschaftsethik an der THM Business School, 眉ber die zentrale Rolle von Unternehmenskultur f眉r erfolgreiche Nachhaltigkeitstransformationen.

Mit seinem Background als Sustainability Manager und Consultant sowie seiner wissenschaftlichen Expertise in Behavioral Economics verbindet er Praxis und Forschung. Gemeinsam beleuchten wir, warum Nachhaltigkeit eine kulturelle Herausforderung ist - und was es wirklich braucht, um einen nachhaltigen Culture Change anzusto脽en.

Die Folge zeigt, wie Werte, Anreizsysteme und Entscheidungslogiken zusammenwirken, welche typischen Denkfehler Unternehmen machen und wie F眉hrungskr盲fte Transformation glaubw眉rdig gestalten k枚nnen.

Talking Proof Julian Conrads

Kurz & knapp - darum geht鈥檚 in dieser Folge

Nachhaltigkeit steht in vielen Unternehmen auf dem Papier - doch im Alltag entscheidet die Unternehmenskultur, ob die Transformation wirklich gelingt. In dieser Folge spricht Lukas mit Julian Conrads, Professor f眉r Nachhaltigkeitsmanagement, dar眉ber, warum Richtlinien allein nicht ausreichen und wie Nachhaltigkeit vom Pflichtprogramm zum selbstverst盲ndlichen Teil von Unternehmen wird.

Im Fokus stehen Fragen wie:

  • Wie gelingt es, Nachhaltigkeit in alle Funktionen eines Unternehmens zu integrieren?
  • Welche Rolle spielen soziale Normen, Anreizsysteme und F眉hrung?
    Warum Kultur oft st盲rker wirkt als jede Strategie 鈥 und was Unternehmen daraus lernen k枚nnen.

Am Ende finden Sie au脽erdem:

馃憠 F眉nf konkrete Dinge, die Unternehmen jetzt tun k枚nnen, um die Kultur in ihrem Unternehmen zu verbessern.

Der gesamte Podcast zum Nachlesen

Lukas: Hallo Julian, ich freue mich sehr, dich hier in unserem Podcast von 91桃色视频 begr眉脽en zu d眉rfen. 听Erz盲hl doch mal kurz etwas zu dir: Was hast du gemacht, was machst du heute und was sind deine Themen?

Julian: Ich bin seit dreieinhalb Jahren Professor f眉r Nachhaltigkeitsmanagement an der THM Business School der Technischen Hochschule Mittelhessen. Das ist eine gro脽e Hochschule mit rund 16.000 Studierenden, mit Standorten in Gie脽en, Friedberg und Wetzlar. Ich verantworte dort den eigenst盲ndigen Bachelorstudiengang Nachhaltigkeitsmanagement, den ich auch mitkonzipiert habe.

Urspr眉nglich komme ich aus der Praxis: Ich war knapp f眉nf Jahre bei der Firma FOND OF t盲tig 鈥 ein Textilunternehmen hinter Marken wie ergobag, Satch, Affenzahn oder AEVOR. Dort habe ich als Nachhaltigkeitsmanager gearbeitet. Nachhaltigkeit und Textilien sind ja ein riesiges Thema mit gro脽en Herausforderungen 鈥 da habe ich sehr viel Praxis gelernt.

Ganz urspr眉nglich habe ich VWL studiert und im Bereich Verhaltens枚konomie promoviert. Ich bin also von Hause aus Verhaltenswissenschaftler und habe mich viel damit besch盲ftigt, was Menschen in bestimmten Situationen antreibt 鈥 etwa bei ethischen Dilemmata, moralischem oder nachhaltigem Handeln.
Nach einer Zeit als Berater bin ich dann wieder zur眉ck in die Wissenschaft und Lehre gegangen.

Lukas: Mega, danke dir. Nachhaltigkeit erlebt gerade so etwas wie ihren 鈥濪igitalisierungsmoment鈥. Fr眉her gab es in Unternehmen einzelne Digitalisierungseinheiten 鈥 heute ist Digitalisierung 眉berall. 脛hnlich scheint es mir bei Nachhaltigkeit: Es startet oft in einem kleinen Kernteam und muss dann in die gesamte Organisation. Heute reden wir ja auch 眉ber Kultur. Hol uns doch mal ab: Was bedeutet das f眉r dich?

Julian: Das ist tats盲chlich einer meiner gro脽en Forschungsschwerpunkte: Wie schaffen es Unternehmen, Nachhaltigkeit 眉ber alle Funktionsbereiche hinweg 鈥 entlang der gesamten Wertsch枚pfungskette 鈥 mitzudenken? Das ist die gro脽e Herausforderung der Transformation.

Idealerweise denkt jedes Gewerk in der Firma Nachhaltigkeit automatisch mit 鈥 so wie Kosten, Effizienz oder Qualit盲t. Niemand muss extra daran erinnert werden, auf Kosten zu achten. Genauso m眉sste Nachhaltigkeit 鈥瀗ormal鈥 werden: nicht angestrengt, nicht nur wegen Richtlinien, sondern aus dem Bauch heraus.

In der Textilindustrie ist das besonders sichtbar, etwa im Einkauf. Die Frage ist: Denkt eine Eink盲uferin bei Verhandlungen automatisch auch an soziale und 枚kologische Aspekte? Oder nur an Preis, Qualit盲t und Lieferzeit?
Man kann Nachhaltigkeit nat眉rlich zentral mitdenken und den Einkauf 鈥瀗erven鈥 鈥 oder man schafft es, die Eink盲ufer:innen so zu 眉berzeugen, dass sie das Thema selbst auf dem Schirm haben. Das ist der entscheidende Hebel.

Lukas: Was ist denn eigentlich das Kernproblem? Warum funktioniert das oft nicht? Fehlt es an Zielen, an Verst盲ndnis 鈥 was ist aus deiner Sicht die gr枚脽te H眉rde?

Julian: Wenn es um die Integration von Nachhaltigkeit in die Unternehmenskultur geht, gibt es immer zwei Ebenen: eine formale und eine informelle.

Die formale Ebene sind Richtlinien, Codes of Conduct, Zielsysteme. Viele Unternehmen haben einen Supplier Code of Conduct. Die Frage ist: Ist das ein Papiertiger, der einmal unterschrieben und abgelegt wird 鈥 oder wird er wirklich gelebt?

Daneben gibt es die informelle Ebene: das allt盲gliche Handeln, das intuitive Verhalten. H盲ufig klafft zwischen beiden Ebenen eine gro脽e L眉cke. Auf dem Papier steht viel 鈥 im Alltag z盲hlt dann doch etwas anderes.

Ein klassisches Beispiel: Eink盲ufer:innen werden oft 眉ber Preisverhandlungen verg眉tet. Wenn der Bonus fast ausschlie脽lich an Kosteneinsparungen h盲ngt, entsteht ein Tunnelblick. In den Guidelines steht vielleicht etwas 眉ber soziale Verantwortung oder resiliente Lieferketten 鈥 aber wenn das nicht Teil der Ziel- und Verg眉tungslogik ist, bleibt es zweitrangig.

Die gro脽e Herausforderung ist, diese beiden Ebenen in Einklang zu bringen: also Nachhaltigkeitskriterien auch strukturell in Ziele, KPIs und Anreizsysteme zu integrieren.

Lukas: Spannend! Wir reden mit unseren Kunden viel 眉ber Zielsetzung 鈥 ohne Ziele gibt es keine Ma脽nahmen, keine Messbarkeit. Nur ein Code of Conduct zum Unterschreiben ist zahnlos.
鈥淐ulture eats Strategy for Breakfast鈥- was bedeutet Kultur aus deiner wissenschaftlichen Perspektive?

Julian: Das Zitat von Peter Drucker trifft es ziemlich gut. Wenn die allt盲glichen Umgangsformen nicht passen, kannst du die beste Strategie haben 鈥 sie wird nicht greifen.

Kultur basiert stark auf tief liegenden Annahmen und 脺berzeugungen dar眉ber, wie man sich verh盲lt. Unser Verhalten orientiert sich stark daran, was wir glauben, wie sich andere verhalten. Das nennt man soziale Normen.

Wenn ich neu in ein Unternehmen komme, beobachte ich: Kann ich kritische Themen ansprechen? Wird 眉ber Nachhaltigkeit oder Ethik offen gesprochen?
Wenn alle schweigen, obwohl ein Dilemma im Raum steht, lerne ich sehr schnell: Hier sagt man lieber nichts.

Ideal w盲re eine Kultur, in der es normal ist, Dinge anzusprechen 鈥 unabh盲ngig von Hierarchien. Wenn auch die F眉hrung das vorlebt, entstehen soziale Normen, die das Verhalten aller pr盲gen.
Diese Normen zu ver盲ndern ist allerdings extrem schwierig.

Ein wirksamer Hebel sind sogenannte 鈥濰ero Figures鈥 鈥 Menschen im Unternehmen, die nicht unbedingt F眉hrungskr盲fte sind, aber stark f眉r Nachhaltigkeit stehen. Sie wirken ansteckend.
Wenn jemand konsequent mit dem Fahrrad kommt oder bestimmte Werte lebt, kann das eine Dynamik ausl枚sen, die andere mitzieht.

脛hnliches gilt f眉r Narrative: Geschichten an der Kaffeemaschine, Essgewohnheiten, Mobilit盲t. All das formt Kultur 鈥 oft viel st盲rker als formale Regeln.

Lukas: Wie stark wird Kultur von 盲u脽eren Faktoren beeinflusst 鈥 etwa durch wirtschaftliche Krisen oder geopolitische Entwicklungen?

Julian: Sehr stark. Wettbewerb, Kosten- und geopolitischer Druck beeinflussen Unternehmenskultur massiv. In schwierigen Zeiten k枚nnen positive Umgangsformen auch wieder erodieren.

Gerade deshalb ist es wichtig, vorhandene Kultur bewusst zu pflegen. Trotz aller externen Einfl眉sse sind interne soziale Normen sehr wirkm盲chtig 鈥 es muss schon viel passieren, um diese komplett zu kippen.

Lukas: Wenn wir auf Nachhaltigkeit schauen, sehe ich oft zwei Extreme:
Entweder knallhart KPI- und zahlengetrieben 鈥 oder sehr 鈥瀎luffig鈥 mit Plakaten in der Kantine. Was hast du beobachtet?

Julian: Beides existiert. Wir haben gerade eine gro脽e empirische Studie mit 眉ber 250 Unternehmen durchgef眉hrt, um genau das besser zu verstehen.

Die echten Vorreiter schaffen es, formale Strukturen und informelle Kultur zu harmonisieren. Nachhaltigkeit ist dort in Zielsystemen, KPIs und Verg眉tung verankert 鈥 und wird gleichzeitig im Alltag gelebt.

Ein Beispiel aus der Textilbranche ist VAUDE. Dort ist das Thema strukturell verankert und wird vom Leadership authentisch vorgelebt. Das erzeugt einen starken Trickle-down-Effekt 鈥 bis hin zu Praktikant:innen.

Andere Unternehmen haben vieles auf dem Papier, aber wenig im Alltag. Mitarbeitende merken das sehr schnell 鈥 und dann fehlt die Glaubw眉rdigkeit.

Lukas: Lass uns mal konkret 眉ber Deutschland sprechen. Ich habe oft den Eindruck: Wenn etwas klar definiert ist, wird es hier sehr gut umgesetzt. Aber der emotionale Drive fehlt leider manchmal. Woran kann das liegen?

Julian: Ein spannender Punkt. Empirische Forschung zeigt: Die Mehrheit der Bev枚lkerung h盲lt Nachhaltigkeit weiterhin f眉r extrem wichtig.
Das Problem ist eine Wahrnehmungsverzerrung: Viele glauben, die anderen h盲tten kein Interesse mehr 鈥 und halten sich deshalb zur眉ck.

So entsteht eine kollektive Zur眉ckhaltung, obwohl eigentlich viel Zustimmung da ist. Das ist wieder eine Frage sozialer Normen.

Dazu kommt: In Deutschland reagieren viele st盲rker auf Rationalit盲t 鈥 auf Business Cases, Effizienz, Technologie. Wenn Nachhaltigkeit als Risikomanagement, Resilienz oder Wettbewerbsfaktor geframt wird, springt der Funke eher 眉ber.

Lukas: Das passt sehr zu unserer Erfahrung. Technologie 鈥 KI, Effizienz, Automatisierung 鈥 erzeugt pl枚tzlich Energie im Raum.

Julian: Absolut. Wenn Technologie Zeit und Nerven spart, entsteht Raum f眉r Themen mit mehr Impact 鈥 etwa Circularity oder neue Materialien.
Aber Nachhaltigkeit l盲sst sich langfristig nicht allein rational treiben. Es braucht auch Herz und Bauch.

Wenn Menschen emotional verstehen, dass alles um uns herum aus nat眉rlichen Ressourcen besteht 鈥 Kleidung, Tablets, Geb盲ude 鈥 entsteht eine andere Verbindung.
Das klingt vielleicht esoterisch, ist aber psychologisch hoch wirksam.

Wir sind Teil dieses Systems. Wenn man das wieder sp眉rt, entsteht Motivation 鈥 und genau das ist entscheidend f眉r echte Transformation.

F眉nf Dinge, die Unternehmen jetzt tun k枚nnen

1. Unternehmenskultur entsteht im Alltag - nicht im Leitbild: 听Richtlinien, Strategien und Code of Conduct sind wichtig, ver盲ndern aber kein Verhalten, wenn sie im Tagesgesch盲ft keine Rolle spielen. Entscheidend ist, was in Meetings, Zielvereinbarungen und Entscheidungen tats盲chlich z盲hlt. Kultur zeigt sich dort, wo niemand zuschaut.

2. Nachhaltigkeit mit Anreizen und Zielen verkn眉pfen: Solange Boni, KPIs und Leistungsbewertungen ausschlie脽lich auf Kosten, Geschwindigkeit oder Effizienz ausgerichtet sind, bleibt Nachhaltigkeit zweitrangig. Wer kulturelle Ver盲nderung will, muss Nachhaltigkeitsaspekte strukturell in Zielsysteme integrieren.

3. Soziale Normen nutzen: 听Mitarbeitende orientieren sich stark daran, was sie bei anderen beobachten. Wird Nachhaltigkeit offen angesprochen? Darf man kritische Fragen stellen? Sichtbares Verhalten, gerade von F眉hrungskr盲ften, pr盲gt Kultur st盲rker als jede interne Kampagne.

4. Psychologische Sicherheit: 听Eine nachhaltige Unternehmenskultur braucht R盲ume, in denen Dilemmata angesprochen werden d眉rfen - ohne Angst vor negativen Konsequenzen. Wenn Schweigen zur Norm wird, verliert Nachhaltigkeit an Glaubw眉rdigkeit.

5. Nachhaltigkeit wie Kosten oder Qualit盲t mitdenken: 听Langfristig sollte Nachhaltigkeit kein Sonderthema mehr sein, sondern automatisch mitgedacht werden - genauso selbstverst盲ndlich wie Preis, Effizienz oder Lieferzeit. Erst dann wird sie wirklich Teil der DNA eines Unternehmens.

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